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Auseinandersetzungen um Vitamine

Postdemokratische Machtverhältnisse oder gutgemeinter Verbraucherschutz?

Dr. med. Klaus Mohr

"Die Probleme, die es in der Welt gibt, können nicht mit den gleichen Denkweisen gelöst werden, die sie erzeugt haben"
(Albert Einstein)

 

Vor über hundert Jahren, in der Ära von Kaiserreich, Kapitalismus und ökologisch bedenkenloser Industrieproduktion, entstand die Lebensreform als konstruktive weiterblickende Gegenbewegung. Deren weitsichtige Begründer wurden von Wissenschafts- und Wirtschaftskreisen zunächst bekämpft und verspottet. Heute verdanken viele Menschen ihre Gesundheit und ihre harmonische Lebensweise der Lebensreform. Deren Ideen wurden, ausgehend von einem geistig herausragenden, aber persönlich äußerst bescheidenen Kreis, inzwischen zu einem Allgemeingut der Bevölkerung - soweit sie bereit war, das lebensrichtige Wissen aufzunehmen und zu verwirklichen.

Mit ihren Keimzentren, den Reformhäusern, wird die Lebensreformbewegung heute vor allem als Bezugsquelle von Produkten für eine gesunde Lebensweise aus ökologisch verantwortlicher Produktion gesehen. Das ist aber nur eine Seite der Medaille. Mindestens genauso wichtig ist ihre Vision einer naturorientierten Lebensweise in Freiheit, Selbstverantwortung und Selbstbestimmung. Daraus resultiert auch die Entscheidung für die Gesundheit und die Liebe zur Natur.

Inzwischen werden diese Eigenschaften in der medizinischen Wissenschaft, der Wirtschaft und der Politik anscheinend zunehmend als Gefahr empfunden. Die Wissenschaftler sprechen den einfachen Menschen, die unmittelbar von ihrer Arbeit, aus ihrer Erfahrung und Tradition leben, kurzerhand den Verstand zur Beurteilung ihrer eigenen Dinge ab (den gesunden Menschenverstand). Nicht mehr die unmittelbare Erfahrung zählt, sondern die Aussagen von Experimenten und künstlichen Studien. Alles andere wird als unwahr, falsch oder gefährlich bezeichnet. Allerdings läßt die bedenkliche Entwicklung unserer Umwelt und Lebensbedingungen die Ergebnisse der wissenschaftlichen Durchdringung in anderem Licht erscheinen.

Die Politik übernimmt bereitwillig die Raster derartiger restriktiver Wissenschaft in ihren Gesetzen und Verordnungen. Darüber hinaus beschneidet sie noch weiter die persönliche Selbstverantwortung und die Zukunft der Bürger mit ihrer Wertabschöpfung und Umverteilung - bei erschreckender Verschuldung.

Die Wirtschaft ist inzwischen längst bestimmt von weltweit operierenden Konzernen, besonders im Pharma-Bereich. Je hilfloser, abhängiger und schon deshalb ungesünder die Menschen werden, um so mehr sind sie auf Produkte dieser Konzerne angewiesen. Die Politiker lehnen (bisher noch) jede ernsthafte Selbstbeteiligung ab.

Internationale Konzerne streben nach Rendite, Umsatzwachstum und Marktmacht.

Inzwischen entstehen mächtige bürokratische Strukturen, z.B. auf EG-Ebene, deren Wirken der einzelne Bürger praktisch hilflos ausgeliefert ist. Die Machenschaften um den Rinderskandal (ein Skandal vom schlimmen Anfang bis zum Ende) zeigen die Motive und Machtfaktoren überdeutlich. Immer wieder sehen wir das gleiche Vorgehen: Desinformation, gezielte Interessenvertretung ohne Rücksicht auf die Kreatur und dann die Zerschlagung gewachsener Strukturen - zur Errichtung einer "schönen, neuen Welt": synthetisch - einträglich - effektiv zu beherrschen. Fern vom Leben und von der Wirklichkeit, fern vom Einzelnen und vom Menschlichen, entfremdet von der Natur, armselig - oder schon unselig? Noch steht die Natur mit ihren Selbstorganisations- und Selbstheilungskräften diesen Machenschaften im Wege. Deshalb wird sie rhetorisch gehätschelt und in Werbespots verkitscht, aber in der Realität ausgebeutet, weiter zerstört und bekämpft (nicht zuletzt im Menschen selber). Es geht um Macht und Geld. Selbstverantwortung und Selbstheilung könnte dabei störend wirken.

Ein Beispiel für die schöne neue Weit ist die Kampagne gegen die Vitamine: Da flackern Gerüchte auf: die französische Regierung befände Vitaminaufnahmen über die zweifache (von Kommissionen festgelegte) Zufuhrmenge als gesundheitsschädlich. Da ist die Finnlandstudie, die gefährliche Auswirkungen von (synthetischem) Beta-Carotin für Raucher mit hohem Alkoholkonsum aufzeigt - und die CARET-Studie mit schädlichen Auswirkungen des Beta-Carotins für Asbestarbeiter und Raucher. In Rom (eigentlich ein schönes Reiseziel) hat sich eine Kommission der UN/WHO etabliert: CODEX (Alimentarious Commission on Nutrition and Foods for Special Dietary Uses). Der Auftrag dieser Kommission ist es, Normen für Nahrungsergänzungsmittel aufzustellen, deren Einhaltung dann von der Welthandelsorganisation (WTO) mit der Androhung hoher Geldstrafen durchgesetzt werden soll. Die Anwältin der amerikanischen Gesundheits- und Umweltstiftung Life Extension Foundation (LEF), Suzanne Harris, hat in einer Liste für die Berufung der Kommissionsmitglieder einen Anteil von 90 % aus Vertretungsorganisationen internationaler Pharmakonzerne festgestellt. Deren Interessenlage ist klar. Vitamine sind nicht patentierbar. Und der weltweit größte Vitaminhersteller ist noch immer Mutter Natur. Ein derartiges Produktionsvolumen, zum günstigen Abgabepreis, bei bester Akzeptanz der Kunden, ruft den Eifer der Wettbewerber auf den Plan.

Ein Vorschlag der deutschen Kommission für CODEX (haben Sie jemals davon gehört?) sieht zur Beschlußfassung vor (lt. Eco-Report): Nahrungsergänzungsmittel (z.B. Vitamine) dürfen nicht zu prophylaktischen oder therapeutischen Zwecken angeboten werden (Anm.: Wozu sonst?)

Ein als Lebensmittel verkauftes Nahrungsergänzungsmittel darf den von der Kommission festgelegten Wirkstoffgehalt nicht überschreiten.

Die CODEX-Vorschriften sind für alle GATT-Staaten (= die dem internationalen Zoll- und Handelsabkommen angeschlossenen Staaten) absolut bindend.

Neue Nahrungsergänzungsmittel sind solange verboten, bis sie von der CODEX-Kommission genehmigt werden.

Diese Informationen von amerikanischen Gesundheits- und Verbraucherorganisationen finden sich im Sarasota-Eco-Report, Florida, USA, mit dem Titel: "Deutschlands Vorhaben, um Ihnen Ihr Recht auf Vitamine und Nahrungsergänzungsmittel wegzunehmen." Französische Bestrebungen (s.o.) zielen in die gleiche Richtung - eine Allianz in der EU?

In Deutschland wurde über die neuen Absichten kaum berichtet, allenfalls in Form von Halbwahrheiten wie: "Die französische Regierung warnt vor Vitaminen" (nicht aber vor Bordeaux-Wein und Disney-Land).

Interessanterweise stoßen deutsche Öko-Magazine wie Natur und Öko-Test ebenfalls vollmundig in das Horn der Warnungen vor den Vitaminen. Dabei verstieg sich der Öko-Test sogar zu der (unbegründeten) Behauptung, durch Vitamin C bzw. Vitamin E würden Herzkrankheiten begünstigt. Tatsächlich haben sorgfältige Untersuchungen, u. a. seitens der Weltgesundheitsorganisation, z. B. für das Vitamin E exakt das Gegenteil bewiesen, nämlich Schutz vor Arteriosklerose und Herzinfarkt. Auf meine Anfrage an die Redaktion des Öko-Test nach Beweisen für deren Behauptung zum Vitamin C erhielt ich die freundliche Antwort, die Quelle sei nicht mehr vorhanden und der Verfasser des Artikels nicht mehr im Hause. Danach habe ich zu der späteren Behauptung über das Vitamin E nicht mehr nachgefragt.

Dagegen hat die mutige Zeitschrift raum & zeit die Informationen und die Entrüstung der Öko-Verbände aus den USA auch für uns in Deutschland zugänglich gemacht (Nr. 82, 1996, S. 29).

Lehrreich sind die Vorgänge allemal: die schöne neue Welt ist wieder ein Stückchen nähergekommen. Die Natur wird weiter verdächtigt und in Reservate eingesperrt (wie einstmals die Indianer), ebenso die Selbstverantwortung. Auf dem Sonnendeck der Titanic werden die Liegestühle hin- und hergerückt, in den Halbschatten. In diesen Stühlen lesen wir Natur und Öko-Test. Oder wir gehen in den Maschinenraum und dann auf die Brücke. Vielleicht können wir noch etwas bewegen: konkret, vernünftig, lebensrettend.

Quelle: reformrundschau


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